LIBERATION IN PANOPTICON – ein Live Art Projekt von Barbara Kowa

Versuch einer Annäherung


Ein Textbeitrag von Vinzenz Fengler (Performance-Künstler und Poet, Juni 2020)


Es gibt eine Methode des Sterbens, und es gibt eine Methode des Er-Lebens, sagte mir einer, den ich kenne, der aber nicht mit mir spricht oder den ich nicht höre, und: Du wirst zum ersten Mal wirklich sehen, wenn du anfängst zu betrachten (… in dich gekehrt, dachte ich, aber das waren nicht meine Gedanken. Er, der, den ich kannte, machte sie sich für mich ... und weiter ausführend - mich quasi an die Hand nehmend - sendete er in mich: Du bist auch Teil des Außer-Dir, Teil der anderen. Also bist du, um sehen zu können, gezwungen, nein, vielmehr angehalten oder eingeladen, dich mit dem Außen, den anderen auseinander- und, im Zuge des Dahinter-Sehens, das ins Betrachten gipfeln wird, wieder zusammenzusetzen, und somit folgerichtig eine Einheit zu bilden, die der vor-blicklichen Vereinzelung durch einen einzigen [waghalsigen] erweiterten Augen-Blick entspringt und dir ins Auge sticht wie etwas Folge-Richtiges, Über-Fälliges und sinnlich Verbindendes.)



Es gibt eine Methode des Hin-Sehens, und es gibt eine Methode des Weg-Sehens. Und es gibt in der heutigen Performance Art das ich-bezogene, ich-gebundene Plantschen an der Wasseroberfläche, und es gibt das selbst-gelöst, ja selbst-auflösende tiefe Ein- und wieder Auf-tauchen in/und aus den Zu-sammenhängen.


Und damit komme ich zu den, zyklisch angelegten, performativen Arbeiten von Barbara Kowa; hier insbesondere zu LIBERATION IN PANOPTICON.


Du wirst sehen, sagte der, den ich kenne, der aber nicht mit mir spricht, sie [die Arbeiten] öffnen und weiten Räume mit der Vehemenz einer vormals nahe-liegenden, dann aber auf-gestandenen Notwendigkeit und überwinden, indem die Künstlerin an ihre Grenzen geht, ebendiese hin zu einem weiten Feld des Dialogs zwischen Innen- und Außenwelt (egal welchen Sujets). In einer selten gesehenen/betrachteten/gespürten Art von Selbst-Entgrenzung, gepaart mit möglicherweise zu verschmerzender Selbst-Verletzung von Körper und/oder Geist unterbreitet sie den Rezipienten ein Angebot des Einlassens auf sich selbst und des Auslassens ego-zentrierter Selbst-Gefälligkeit im Sinne eines zurückgelehnten, uninvolvierten Zusehens als Konsument eines künstlerischen Aktes. Es ist – wenn man sich dem wirklich aussetzt – unmöglich, nicht selbst mitverletzt zu werden, andererseits aber auch unmöglich, nicht mitgeheilt zu werden, im Sinne einer Reinigung. Performance Art und Theater – das kennt man von Barbara Kowa seit Jahren – vermischen sich (auch) in diesem Live Art Projekt; die Katharsis wird hier aber nicht frei Haus geliefert – man muss sich ein-lassen, in diesem Fall ein-wählen … in einen Livestream. (Wir kennen das ja, das widerfährt uns heutzutage ja ständig, meint wieder der Besagte, den ich kenne, und den ich nun höre … aber – und das sagt er nicht – : Was macht das mit uns, wenn die Grenzen verschwimmen, wenn wir nicht mehr wissen, wer der Schau-Spieler und wer der Schau-Lustige ist, insbesondere, wenn uns die Lust im Halse stecken bleibt, weil der rezipierte Kuss unser eigener ist [oder sein könnte], den wir möglicherweise nicht mehr imstande sind der oder dem anderen zu geben, weil unsere Lippen mit noch zu stellenden Fragen beschäftigt und gelähmt sind.)

Der Ausgang dann bleibt ungewiss. Es könnte ein Spaziergang sein ins Er-Leben oder ein Abgang in die Todes-Zonen digitaler Beliebig- und Uneindeutigkeit. Es könnte aber auch ein Still-Stand sein, der aufrecht bleibt und für etwas steht, das zu bewahren ist: Die Fähigkeit, bei sich zu bleiben, ohne die anderen (Zusammenhänge) aus dem Blick zu verlieren.

LIBERATION IN PANOPTICON führt uns das – aus der Dunkelheit und dem anders sehenden Blick der Künstlerin – vor Augen, flüstert mir der, den ich kenne, und der nie mit mir sprach, sehr eindringlich ins Ohr. Aber da hatte ich schon angefangen zu betrachten und mich ein-gesehen.

Quellen:

Barbara Kowa: LIBTERTATION IN PANOPTICON